Experience

Weil wir schon viel vom Wilden Kaiser und seinem zahmen Bruder gehört haben, hat uns die Kaiserradrunde allein schon des Namens wegen gleich angesprochen. So machten wir uns kurzfristig an einem sonnigen Herbstwochenende von München aus mit dem Zug auf den Weg nach Kufstein. In ziemlich genau 1:15 Uhr brachte der Meridian uns und unsere E Bikes in die Stadt am Inn, unserem Startort für einen entspannten Kurzurlaub mit dem Bike. Die Kaiserradrunde ist für E-Biker oder auch für ambitionierte Biker eine ideale Tagestour. Aber auch Genussradler und Familien kommen als 2-3 Tages Tour mit diversen Zwischenstationen und Sehenswürdigkeiten voll auf ihre Kosten.

Morgens beim Start empfiehlt sich ein kurzer Abstecher ins historische Zentrum von Kufstein. Die Durchfahrt durch die Römerhofgasse in der Altstadt ist wie ein Eintauchen in längst vergangene Tage. Ein Besuch der mittelalterlichen Festung, das Wahrzeichen Kufsteins, sollte auf keinen Fall ausgelassen werden. Bereits im Jahre 1205 wurde diese erstmals urkundlich erwähnt und war als strategisch wichtiger Ort seit dem Mittelalter über die Neuzeit bis ins 18. Jahrhundert oftmals im Brennpunkt kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Bayern und Tirol. Die historische Substanz der Festung wurde komplett saniert, ein Besucherzentrum sowie eine Panoramabahn erlauben einen komfortablen Besuch der musealen Flächen und deren Ausstellungen. Darüber hinaus wird die überdachte Festungsarena als Eventlocation genutzt. Eine Vielzahl von Konzerten und Festivitäten finden jedes Jahr statt, ein abwechslungsreiches Programm wird angeboten. Hier lohnt sich ein Blick auf den Veranstaltungskalender.

Nach dem Sightseeing geht es für uns nun los mit der eigentlichen Radtour, am Inn entlang, stadtauswärts auf dem Radweg in Richtung Ebbs. Bereits nach kurzer Fahrt wechselt die Kulisse von Stadt zu schöner Natur. Der Weg führt durch ein Waldstück, um dann nach wenigen Kilometern über offene Wiesen und Weidelandschaft zu verlaufen. Die Sonne fällt mit idyllischen Farbspielen in den Wald herein, der Alltag bleibt zurück, Ruhe und Entspannung stellen sich bereits hier ein.

Bereits aus einiger Entfernung kündigt sich die erste Sehenswürdigkeit durch Gezwitscher und andere Geräusche an. Der für Tierliebhaber lohnende Raritätenzoo Ebbs lädt zur ersten kurzen Pause ein. Dort bestaunen wir über 70 Tierarten aus aller Welt und die Gesichter der Kinder des naheliegenden Kindergartens zeigen uns, dass hier vor allem die Kleinen auf ihre Kosten kommen. Weiter auf dem Weg in Richtung bayerischer Grenze folgt eine besondere Empfehlung kulinarischer Art, die nur knapp drei Kilometer weiter in der Ortschaft Sebi liegt. Die Käserei Plangger produziert dort Köstliche regionale Käsespezialitäten. Beim Eintreten in den Laden der Käserei taucht man sofort ein in den würzigen, geschmackvollen Duft. Der Käse reift im eigenen Felsenkeller, der durch eine Glasgalerie betrachtet werden kann.

Nur ein kurzes Stück entlang der Walchseestraße folgen wir der Radrunde weiter in eine kleine Nebenstraße durch ein Waldstück hindurch um später wieder über offene Wiesen und Weiden zu rollen. Auf diesem Abschnitt ist der erste und wohl auch steilste Anstieg auf der ganzen Runde zu bewältigen. Das rund fünf Kilometer entfernte und knapp 145 Meter höhergelegene Naturjuwel „Schwemm“ ist der nächste Zwischenstopp. Ein Aussichtsturm oder Moor-Führungen laden zum Kennenlernen von Nordtirols größter Moorlandschaft ein, die durch die Verlandung eines Sees entstanden ist und als Wasserspeicher einen hohen ökologischen Wert darstellt. Auf 65 Hektar Moorgebiet zeigt sich eine Fülle von seltenen Tier- und Pflanzenarten.

Von hier geht es nun größtenteils flach weiter zum nahe gelegenen Walchsee, der bei sommerlichen Temperaturen zu einem erfrischenden Bad und zum Verweilen einlädt. Das Cafe See la Vie befindet sich direkt an der Radroute und am Ufer des Sees, hier lassen wir uns am Nachmittag vorzüglich bei Kaffee und Kuchen verwöhnen. Für Kinder ist das flache Seeufer bestens zum Baden geeignet.

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Vom Walchsee aus fahren wir entspannt weiter abseits der Hauptstraße durch größtenteils offene Kulturlandschaft, Waldstückchen und kleine Ortschaften ins rund acht Kilometer entfernte Kössen. Die einladende Gemeinde im Leukental bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten für Übernachtung und Abendessen. Eingebettet zwischen den Ausläufern der Chiemgauer Alpen und dem prägnanten Kaisermassiv, genießen wir hier einen lauen Herbstabend mit einem Gläschen Wein.

Der nächste Tag kann mit einem Alternativprogramm starten. Bei schönem Wetter empfiehlt sich eine Fahrt mit der Bergbahn Hochkössen zum Gipfel des Unterberghorns, um den grandiosen Ausblick in die Bergwelt der Kitzbüheler Alpen zu genießen. Wer es nicht allzu eilig hat kann auch eine kurze Gipfelwanderung unternehmen, aber Vorsicht, die Zeit vergeht wie im Fluge in der Schönheit der Berge.

Zurück im Tal geht es für uns nun weiter mit dem Bike an der Großache entlang, zu beiden Seiten gesäumt von Wald und Bergen auf einem ruhigen Uferweg. Die am Pass Thurn entspringende Ache schlängelt sich auf rund 80 km Strecke durch Tirol, wechselt dabei mehrmals Ihren Namen von Jochberger Ache über Großache bis hin zu Tiroler Ache, als welche sie letztlich auch im bayerischen Meer, dem Chiemsee, mündet. Die Schönheit der Natur und das Einatmen der frischen Luft scheinen pure Lebenskraft und Freude zu schenken. Nach und nach mehren sich wieder die Zeichen der Zivilisation entlang des Weges. Nach gut 15 km Fahrt zeichnet sich an der Brücke zur Einfahrt nach Kirchdorf die idyllisch gelegene Achenkapelle ab, die für eine kurze Rast wie geschaffen ist.

Nur 5 km weiter entlang der Ache bei der Ankunft im St. Johanner Ortsteil Bärnstetten machen wir einen Abstecher zu Aggstein Edelbrände, das ist natürlich nur etwas für die Erwachsenen Radler. In der Erlebnis- und Schaubrennerei können Tiroler Hochprozentige verkostet werden und außerdem Einblicke in die Kunst des Schnapsbrennens gewonnen werden. Danach lohnt sich auf jeden Fall ein Halt im traditionell gehaltenen Ortszentrum von St. Johann, um sich in den Restaurants und Cafés der kleinen, idyllischen Fußgängerzone für die Weiterfahrt zu stärken. Die große barocke Kirche am Platz beeindruckt mit ihren Deckengemälden im Innern und gibt die Möglichkeit einer kurzen Besinnung.

Ortsauswärts Richtung Westen geht es nun zurück in die ländliche Schönheit der Tiroler Landschaft. Vor uns tut sich nun der als Niederkaiser bezeichnete Teil des Kaisergebirges mit dem 1280 m ü.M. hohen Gscheuerkopf im Vordergrund auf. Überstrahlt wird dieser vom Wilden Kaiser Massiv das auf der Ellmauer Halt seinen höchsten Punkt bei 2342 m ü.M. hat.

In der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts fanden hier viele bergsteigerische Meilensteine in Form von Erstbesteigungen statt. Auch heute noch ist der „Koasa“, wie er von den Einheimischen genannt wird, ein beliebtes Ziel für Wanderer, Bergsteiger und Kletterer.

Auf dem weiteren Weg in Richtung Going empfiehlt sich eine kleine Wanderrunde in Mitten der Moor & More Erlebniswelt. Hier an den Südhängen des Wilden Kaisers zeigt sich das Bergpanorama in seiner vollen Pracht. Die renaturierte Moorlandschaft im Naturschutzgebiet Ramsar verbindet auf unterhaltsame Weise das Erleben unberührter Natur mit spannenden Informationen zu seltener Flora und Fauna. Zwischen St. Johann und Going entstand vor 10.000 Jahren ein Hochmoor, welches leider lange in Vergessenheit geraten war. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, kann an einer der geführten Moorführungen teilnehmen.

Von dort aus führt der Weg nun wieder bergabwärts mit tollem Ausblick zu einem der schönsten Naturbadeseen Tirols in Going. Hier nehmen wir noch eine willkommene Erfrischung für die letzten 4 km Fahrt bis nach Ellmau, um dort den Abend und die Nacht in typischer Tiroler Gastlichkeit zu verbringen. Die besonders schöne Naturkulisse machte Ellmau weit über die Grenzen hinaus bekannt als die Heimat des Bergdoktors der gleichnamigen Fernsehserie und weiteren Filmproduktionen. Die Praxis des Bergdoktors ist ein echtes Schmuckstück und kann vor Ort besichtigt werden. Von Ellmau geht der Radweg meist abfallend weiter an Scheffau und Söll vorbei über Stockach nach Egerbach, rund 15 km mit der für die Region typischen Wiesenlandschaft, gesäumt von Bergen und Waldstücken. Für uns ein weiteres Mal die Gelegenheit Gedanken und Stress ziehen zu lassen und ganz einfach die natürliche Umgebung zu genießen.

Ein ganz besonders schönes und lohnenswertes Ausflugsziel, der Hintersteiner See, liegt auf Höhe von Scheffau, jedoch ein klein wenig abseits von dem eigentlichen Radweg. Mit dem e-Bike sind die 5 km Umweg und rund 400 Höhenmeter zusätzlicher Anstieg kein Problem, geübte Radler heißen die extra Kilometer ebenfalls willkommen. Bike & Hike Fans stellen Ihr Bike am besten bei der Steinernen Stiege ab und gehen knapp 1 Stunde lang am idyllischen Wasserweg entlang bis zum Westufer des Sees. Genau dort erfolgt die Wasserentnahme für das Kraftwerk mit einem Einlaufbauwerk samt Rechen. Das Wasser fließt durch eine 300 m lange Betonrohrleitung mit einem Durchmesser von 2 m und einem daran anschließenden 1.200 m langen Naturstollen bis zum Wasserschloss, fällt durch die Stahldruckrohrleitung mit einem Durchmesser von 80 cm in das Tal und treibt die beiden Peltonturbinen im Kraftwerk an.

Der kristallklare Bergsee liegt auf 882 m ü.M. im Naturschutzgebiet Wilder Kaiser und wird von unterirdischen Quellen gefüllt. Er erstrahlt in türkisblauen Farben und lädt uns durchschwitzte Fahrradfahrer förmlich zu einem Sprung ins glasklare aber richtig kalte Wasser ein. Die gesamte Kulisse ist von ganz besonderer Schönheit, die sich so nur selten bietet. Herrlich gelegene Jausenstationen mit typisch regionalen Köstlichkeiten sorgen für das leibliche Wohl. Auch die Auffahrt oder eine Wanderung zum Kreuzbichl bietet sich hier an. Dort finden sich erstklassige Hütten mit einfachen, aber dafür umso besseren regionalen Gerichten, wie der typischen Kaspressknödel-Suppe.

Wir fahren weiter über den Eiberg hinab nach Egerbach. Von Egerbach sind es dann nur noch gut 5 km bis nach Kufstein, unserem Ausgangsort. Beim Verlassen des Waldes öffnet sich auch schon der noch grüne aber schon urbane Raum Kufsteins. Dort überqueren wir den Inn und genießen von der Brücke aus den einmaligen Ausblick auf den blauen Fluss und die Festung Kufsteins. Die letzten 1-2 km der Radrunde verlaufen direkt am Inn. Dort schließt sich die Runde mit der Ankunft in der Altstadt.

Alles in allem sind auf gut 83 km rund 800 Höhenmeter zu überwinden, die größtenteils auf sanften Anstiegen erfolgen. Dank der vielen Gastronomiebetriebe auf der Strecke ist stets für eine optimale Versorgung gesorgt. Wir haben uns für den Start der Runde in Kufstein entschieden, ein Einstieg an jedem anderen Ort der Route ist natürlich ebenfalls möglich. Durch die durchgängige und eigenständige Beschilderung auf hellblauem Hintergrund ist der Weg stets gut sichtbar und leicht nachzuvollziehen. Für unseren nächsten Besuch haben wir uns fest vorgenommen auch die Wanderschuhe einzupacken und eine der vielen Wanderrouten auf einen Gipfel des Wilden Kaisers zu unternehmen. Denn der Blick auf die schroffen Felsen hat bei uns nicht nur für Entspannung gesorgt, sondern auch Lust auf mehr gemacht.